Querdenken-Demonstration in Bad Mergentheim

Querdenken-Demonstration am 16. Mai 2020 auf dem Marktplatz in Bad Mergentheim
Querdenken-Demonstration am 16.05.2020 auf dem Marktplatz Bad Mergentheim

Auf dem Prüfstand: Die Argumente von Dr. Frank Beck

200 Demonstrationsteilnehmer waren angemeldet, gekommen sind rund 40. Hauptredner bei der Demonstration war Dr. rer. nat. Frank Beck aus Markelsheim. Er sei zwar kein Arzt, habe bei seinem Hochschulstudium aber gelernt, wissenschaftliche Studien zu lesen und zu interpretieren. Die Gefährdung durch den SARS-CoV-2-Virus sei äußerst gering, da es im gesamten Main-Tauber-Kreis ja nur 392 nachgewiesene Covid-19-Infektionen und nur 10 Todesfälle gebe. Die meisten Erkrankten seien bereits wieder genesen. Die Gefahr durch Corona sei kleiner, als wenn man mit dem Auto von Markelsheim nach Weikersheim und zurück fahre, so Dr. Beck.

Das Paradox der erfolgreichen Prävention

Was er dabei übersieht ist die Tatsache, dass die geringe Anzahl von Infektionen nur durch die - in Deutschland im internationalen Vergleich noch recht gemäßigten - Kontaktbeschränkungen möglich wurde. Ohne diese sähe die Lage ganz anders aus. Das kann man in den USA, in Brasilien oder auch in Schweden sehen. Schweden geht einen Sonderweg und lässt z. B. Restaurants und Schulen offen. Obwohl dort nur 10 Millionen Menschen leben sterben in Schweden zurzeit ungefähr ebenso viele Menschen pro Tag an Covid-19 wie in Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern. Dr. Beck begeht einen Denkfehler, wenn er die geringe Fallzahl als Beweis für eine geringe Infektionsgefahr wertet und die Kontaktbeschränkungen als verzichtbar darstellt. Die Einschränkungen sind nicht unnötig, weil es so wenig Fälle gibt, sondern es gibt so wenig Fälle, weil es die Einschränkungen gibt. Fachleute bezeichnen es als das "Paradox der erfolgreichen Prävention" wenn es gelingt, durch Vorbeugung das gefürchtete Ereignis zu verhindern. Weil es dann nicht eintritt erscheint es so, als ob man die Maßnahmen gar nicht gebraucht hätte.

Covid-19 kostet Lebensjahre

Die mit Covid-19 in Zusammenhang gebrachten Todesfälle führte Dr. Beck auf die Vorerkrankungen der betroffenen Menschen zurück. Sie seien mit Corona gestorben, nicht an Corona. Dem ist entgegenzuhalten, dass vorerkrankte Menschen ohne eine Covid-19-Erkrankung oft noch viele Jahre leben könnten. Erhebungen gehen davon aus, dass erkrankte Männer im Durchschnitt 13 Lebensjahre verlieren und erkrankte Frauen 11. Ganz abgesehen davon gibt es auch bei jungen Menschen schwere Verläufe.

Selektive Wahrnehmung

Dr. Beck zitierte einige wissenschaftliche Studien, um seine These von der Harmlosigkeit des neuen Corona-Virus zu belegen. Doch statt eines umfassenden Literaturüberblicks wählte er nur die Studien aus, die seine Meinung bestätigen. Eine solch einseitige Auswahl von Forschungsberichten und das Ausblenden aller anderen ist wissenschaftlich unseriös. Das ist etwa so als würde man behaupten, alle Gummibärchen sind rot, weil man sich nur die roten herausgesucht hat.

Verschwörungstheorie

Der Redner distanzierte sich von Verschwörungstheorien. Das hinderte ihn aber nicht daran, selbst eine zu verbreiten. Der Regierung und den Medien warf er vor, gezielt Informationen zu unterdrücken, um Angst zu machen. Dabei fiel ihm der Widerspruch gar nicht auf, dass er im Besitz dieser Informationen ist, die angeblich unterdrückt werden. Als Kronzeugen benannte Dr. Beck einen Regierungsrat im Bundesinnenministerium, der eigenmächtig seine private Meinung auf einem Briefbogen des Ministeriums verbreitete und deswegen suspendiert worden ist. Suspendiert wurde er nicht wegen seiner Meinung, die er selbstverständlich äußern kann, sondern wegen des Missbrauchs des offiziellen Briefpapiers, mit dem er seine Meinung als Position des Ministeriums erscheinen lassen wollte.

Obwohl das mit der Sache eigentlich nichts zu tun hat, offenbarte Dr. Beck auch seine politische Meinung. Viele Jahre lang habe er CDU gewählt. Die Politik von Lothar Späth und Helmut Kohl habe er unterstützt. Während der Kanzlerschaft von Angela Merkel sei er zur FDP gewechselt, weil er sich als Unternehmer von der FDP besser vertreten fühlte. Inzwischen vertraue er keiner der etablierten Parteien mehr.

Unsere Meinung

Die Grundrechtsbeschränkungen zum Schutz vor Corona-Infektionen sind eine schwere Belastung für alle. Sie dürfen nur vorübergehend sein. Zwei Drittel der Deutschen finden sie aber richtig, nur eine kleine Minderheit ist der Auffassung, dass sie übertrieben sind. Im Vergleich mit anderen Ländern ist Deutschland bisher recht gut durch diese Krise gekommen und gilt zum Beispiel in England als Vorbild. Italien, Frankreich, Spanien oder England haben viel drastischere Einschränkungen erlassen als wir. Die Anzahl der Neuinfektionen erlaubt es jetzt, die Einschränkungen schrittweise wieder zurückzunehmen. Wir sind dafür, das sehr vorsichtig zu machen und genauestens zu beobachten, wie sich das jeweils auswirkt. Sobald die Infektionsrate wieder über eine kritische Marke steigt, muss gegengesteuert werden, um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Helfen kann eine App, die es erleichtert, Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen und in Quarantäne zu schicken. Wir hoffen auch auf Medikamente, mit denen der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst werden kann. Schutzmaßnahmen wie Gesichtsmasken und Abstand halten werden vorerst weiter nötig sein. Ganz unbeschwert leben können wir vermutlich erst wieder, wenn ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Wir haben Verständnis für den Unmut, den die Einschränkungen bei manchen Menschen verursachen. Wir bitten aber auch darum, die Argumente derjenigen sehr kritisch zu prüfen, die die Gefahr durch den Virus herunterspielen.

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